Am 1.April wollen thüringer Nazis unter dem Motto "freie Menschen statt freie Märkte" durch Arnstadt marschieren. Dieser Aufmarsch soll ein Startschuss für eine bundesweite Kampagne gegen Kapitalismus (oder dem, was sich die Nazis darunter vorstellen) werden. Der aktuelle Versuch der Nazis, ihre menschenverachtende Ideologie als Antwort auf soziale Probleme darzustellen, ist nichts neues und reiht sich ein in ihre Andockversuche bei den Protesten gegen Sozialabbau und Hartz 4 im letzten Jahr. Wie "sozial und frei" sie wirklich sind, offenbart ein Blick ins Geschichtsbuch und ihren Aufruf, welcher Gegenstand unserer Erörterung ist. So gehen Nazis mit einem sehr kruden Kapitalismusbegriff und einer Vorstellung von Globalisierung ins Rennen, welche pseudowissenschaftlich daherkommen.
Begrifflichkeiten:
Kapitalismus ist nach Ansicht unserer braunen Wirtschaftsexperten ein habgieriger nichtsesshafter Vagabund, der allen "redlich" ihr Geld Verdienenden auf die Pelle rückt und sie um die Früchte ihrer Arbeit betrügt.
Dabei ist schon alleine das Geld Verdienen Bestandteil des Kapitalismus. Nach Ansicht der Nazis beschränkt sich der Kapitalismus auf die Zirkulationssphäre des Geldes (also dort, wo gehandelt wird) und der Akteure dieser Zirkulationssphäre. Hier wird dann schnell der "schachernde Jude" als Feindbild ausgemacht, was mit einer personalisierten Weltsicht zusammenhängt, wo immer in der Hochfinanz die eigentlichen Schurken und Fädenzieher vermutet werden. Diese Form von Begrifflichkeiten erfasst jedoch nicht das Wesen des Kapitalismus. Dieses Wesen liegt eher in der Produktionsweise begründet. In der kapitalistischen Produktionsweise geht es im Wesentlichen darum, aus Geld durch Produktion von Waren mehr Geld zu machen, um mit dem Geld mehr Geld machen zu können usw bis in alle Ewigkeiten. Die Differenz aus Geld und Mehr-Geld nennt sich Mehrwert und der ist Selbstzweck. Was dabei produziert wird ist Nebensache. Das gilt für den Großkonzern genau so wie für die Klempnerei nebenan. Das Sprichtwort, dass ein guter Geschäftsmann auch Bobschlitten nach Saudiarabien verkauft, trifft da schon den Kern der Sache. Im Umkehrschluss werden Sachen nicht mehr produziert, sobald sich mit ihrer Produktion nicht mehr genügend Mehrwert erzielen lässt, egal ob sie sinnvoll sind oder nicht. Dass sich jeder Quatsch verkaufen lässt und sich die Leute für den blödsinnigsten Kram verschulden, hat etwas damit zu tun, dass die Ware als Statussymbol zu einem Fetisch geworden ist (die Ware als Fetisch ist tatsächlich ein etwas religiös Bezeichnendes, was in unserer Gesellschaft anbetungswürdig erscheint) über den sich die Leute definieren und definert werden. Dazu zählt die schicke thor steinar Klamotte genau so wie der tiefergelegte getunte Opel. Es wird der absurdeste Mist gekauft und verkauft, während weite Teile der Weltbevölkerung nicht mal ihre Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Bildung sichern können. Dafür ist dieses System auch nicht vorgesehen. Soweit geht die bürgerliche Vernunft nicht, die schließlich auf das Vorteilsdenken des Einzelnen aufbaut, der sich nur noch der Nation und seiner Familie verpflichtet zu fühlen hat (die "Du bist Deutschland"- Kampagne ist dafü Info: CMS & website laten maken door webbureau Eindhoven . 3d agency
Entgegen dem Wunsch des Bürgermeisters, die Nazis einfach zu ignorieren und nur ein Friedensgebet zu veranstalten, gelang es mit der antifaschistischen Demonstration im Vorfeld Akzente zu setzen, die sich offensiv gegen den Naziaufmarsch und Etablierung von Nazistrukturen wanden. Angesichts der Vielzahl weiterer antifaschistischer Demonstrationen in Dessau, Berlin, Dortmund und Lübeck am gleichen Tag gelang es mehrere hundert TeilnehmerInnen für die Proteste zu gewinnen und mehrfach Nazis aus der Innenstadt zu vertreiben. Dass Arnstadt in den letzten eineinhalb Jahren immer häufiger zum Platz nazistischer Aktivitäten und Aufmärsche wurde, bestätigt die Notwendigkeit antifaschistischer Gegenwehr - aktiv und kontinuierlich gegen Nazis, rassistische Gewalt und extrem rechte Unterwanderung vorzugehen.
Gruppe Left Resistance Arnstadt [LRA]
Weitere Berichte
Bebilderter Bericht
Bericht der Antifa Gruppe Südthüringen[AgSt]
Bilder des Naziaufmarsches
Letzte Informationen
- EA / ERMITTLUNGSAUSSCHUSS: 03628/661577 (ab Samstag, 9:30 besetzt)
- INFOTELEFON: 0160/92774074
- Solikonzi kann morgen leider nicht statt finden, ausführliche PM in Kürze bei der JKGA
- Letzte Infoveranstaltung am 31.03.06 in Erfurt (siehe Termine)
Route der Neonazis:
Arnsbergstraße - Baumannstraße - Lessingstraße - Ohrdrufer Straße - Goethestraße (Kundgebung) - Eichfelder Weg - Auf der Setze - Schönbrunnstraße - Unterm Markt - Markt (Kundgebung) - Marktstraße - Erfurter Str. - Bustreff - An der Weise - Rosenstraße - Lessingstraße - Hauptbahnhof
- Karte über alle Veranstaltungen am 1.4: Hier
- Für Schlafplätze bitte mail an: demo
Am 1. April 2006 ist es wieder soweit:
Neonazis haben Arnstadt erneut zum Aufmarschgebiet erklärt. Diesmal wollen bis zu 500 rechte lemminge unter pseudosozialen Vorwänden durch die Stadt marschieren. Eine neue Kapitalismuskritik von rechts versprechen die Nazis in ihrem Aufruf. Dass sich dahinter alte nationalsozialistische Ideologie versteckt, versuchen sie zu verschleiern. Ebenso ihr gesamtes Auftreten in der Öffentlichkeit. Längst hat sich innerhalb der rechten Szene ein äußerlicher Wandel vollzogen. Mit neuen Outfits, einem Vorstoß in andere Subkulturen und Musikszenen sowie einer neuen Verpackung der alten Inhalte versuchen sie in peppiger Aufmachung insbesondere Jugendliche für ihre Ideologie zu rekrutieren.
Wir wollen mit einer antifaschistischen Demonstration ein kraftvolles Zeichen gegen extrem rechte Unterwanderung, Nazigewalt und Kapitalismus setzen.
schotteten sich durch Zölle, Grenzen und Einflusssphären gegenseitig ab, kam es in Folge des Siegeszuges der Mikroelektronik und dem zunehmenden Verschwinden der Lohnarbeit zu einem Bedeutungsverlust der Nationalökonomien und nebenher der Nationalstaaten als autarke Akteure. Neue Technolgien machen es möglich, dass Produkte preiswerter irgendwo produziert werden können. Zudem werden für den Produktionsprozess immer weniger Arbeiter benötigt, die dafür immer mehr Mehrwert erwirtschaften müssen. Das Freisetzen von Arbeitskräften schafft zusätzliche Konkurrenz und treibt Lohndumping in manchesterkapitalistische Verhältnisse hinein. Nur kleinen spezialisierten Nationalökonomien, die sich z.B. als Steueroasen profilierten, gelingt da noch eine Abschottung. Auch Produkte "Made in Germany" müssen da weltweit konkurrenzfähig sein. Versuche subsistenzieller (sich selbst versorgender) Nationalökonomien führten schon während des 1.Weltkrieges sich selbst ad absurdum, als es Deutschland auf einmal nur noch Kohlrüben zu essen gab, und würde auch heute einem rohstoffarmen Land wie Deutschland nicht gut bekommen.
Gerade dieses Freisetzen von Arbeitskräften und die Vernichtung der Lebensgrundlage von weiten Teilen der Weltbevölkerung sowie die Kriege um die noch verbliebenen Ressourcen führen zu Flüchtlingsströmen. Diese haben dann als "Billigarbeitermassen" im deutschen "Widerstandsraum" nach Meinung der Nazis nichts zu suchen. Nationalismus mit seinen Abschottungsmechanismen, mag er noch so antiquiert und absurd wirken, ist nicht Teil der Lösung sondern Teil des Problems.
Nationalismus ist dabei die ideologische Untermauerung der abstrakten Konstrukte von Volk, Nation und Nationalstaat, der mythologische Kit, der die Menschen jederzeit mobilisierbar und einsatzbereit für ihn halten soll. Gerade der Nationalstaat schuf die Vermassung des Einzelnen in der Nation in den Uniformen seiner Armeen, die vorwiegend für wirtschaftliche Interessen der Nationalökonmien sich opfern und andere töten sollten. Es geht hier nicht um eine "sozialistische Festung" wie von unseren braunen Möchtegernideologen angepriesen, sondern um eine Schicksalsgemeinschaft, in der alle Teilnehmenden sich in den Dienst der Nation zu stellen haben, also sich im Ernstfall auch opfern müssen. Hier wird das alte Bild des Korporativismus abgerufen, welcher ein wesentliches Merkmal des Nationalsozialismus war. Korporativismus bedeutet, dass Alle, egal ob reich oder arm, für den Nationalstaat einstehen sollen und sich als Volkskörper verstehen. Gerade die Nation macht das Individuum zum politischen Stimmvieh, zum Arbeitstvieh, die Arbeitslosen zur Reservearmee des Kapitals. Erst die nationalistische Mobilisierung machte das kriegerische Massenschlachten des letzten Jahrhunderts möglich. Die Nation ist nicht das Bollwerk gegen den Kapitalismus sondern die Heimstatt desselben. Der Nationalismus soll darüber hinwegtäuschen, dass alle Menschen, die zufällig auf einem Staatsterritorium geboren wurden, nur Ressource und Humankapital für den Nationalstaat sind, also Warencharakter haben. Als Projektion des Bösen muss dann häufig alles Nicht-zur-Nation-Dazugehörige herhalten. Rechte Kritik an der Globalisierung greift hierbei auch nur auf die abgedroschene Parole "Ausländer raus" und mit dem Bild vom "vagabundierenden Finanzkapital" auf das antisemitische Ressentiment des "raffgierigen heimatlosen Juden" zurück.
Als Beispiele sollen hier die am Anfang des genannten Textes stehenden Wortblähungen herhalten: "Billigarbeiter und Asylanten", "ausländische Spekulanten", "riesenhafte Zinszahlungen an die Hochfinanz". Goebbels wäre stolz darauf.
Der Wolf und die Sieben Geißlein
Es ist nicht das erste Mal, dass Rechte Kreide fressen und sich die Pfötchen weiß malen, damit für sie die Türen zum globalisierungskritischen Protestpotenzial aufgehen. Nur standen die Chancen dafür noch nie so gut, da sie auf jede Menge Ressentiments und verkürzte Kapitlismuskritiken zurückgreifen können. Es ist nichts gelöst, wenn im "nationalen Widerstandsraum" z.B. agrarische Produkte so stark subventioniert sind, dass sie sogar in Billiglohnländern wie Indien die dortige Agrarwirtschaft in den Ruin treibt. Diese betroffenen Menschen werden dann als "Billigarbeitermassen" beschimpft, sobald sie vor der Tür stehen. Diese Probleme können nur in einem solidarischen Miteinander jenseits von Nationalstaat und Nation, also antinational, gelöst werden z.B. sich für hohe soziale Standarts weltweit einzusetzen. "Alles für Alle" statt "Deutschland den Deutschen". Vielleicht sollte sogar mal versucht werden, jenseits des Kapitalismus, also Warencharakter und Tausch, nach einer möglichen anderen Welt zu suchen. Bis dahin ist dafür zu sorgen, dass Nazis noch tonnenweise vergeblich Kreide fressen müssen, bis sie wieder, white-power-like, ausgekotzt wird.
Damit der Nationalsozialismus Geschichte bleibt und die Nazis in sozialen Bewegungen keinen Fuß fassen: beteiligt euch an der Antifademo und den Gegenaktionen in Arnstadt.